Archiv für Dezember 2005

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Es weihnachtet (zu) sehr…

23. Dezember 2005
Guten Tach! Als mich letztens jemand darauf ansprach, ob ich denn schon alle Weihnachtsgeschenke besorgt, verpackt und gekennzeichnet hätte, musste ich überrascht und nicht minder geschockt entgegenen: „Wie war das nochmal mit der ersten Tätigkeit…?!“. Mir wurde schlagartig bewusst: Mein Gesprächspartner hatte recht! Zuerst besorgen und dann der ganze Rest…

Jedes Jahr das gleiche Problem. Immer vergesse ich dieses kleine aber dennoch entscheidende Wort: kaufen. Was waren das noch für Zeiten, als man im Kindergarten und der Schule für die Familie Karten oder andere Papp-Kreationen bastelte. Da war wenigstens jemand, der einen an das Fest und den Brauch des Schenkens erinnerte – ja geradezu unausweichlich mit der Nase hinein hineindrückte. Damals war die Freude über eine selbst gebastelte Gabe noch überschwenglich und ausgelassen – so als hätte man sein Ferienhaus am Bodensee per Schenkung übereignet. Überall wurden die Bastel-Ergebnisse herumgezeigt und öffentlich zur Schau gestellt. Mit stolz geschwellter Brust wurde jedem gerade Vorüber-Eilenden mitgeteilt: „Jaaaaaaa, mein Kind ist kein Grobmotoriker und kann sogar schon eine Schere und den Klebe-Stift bedienen!“. Schnitt man aber ein völlig neues und extravagantes Muster in die teure Tischdecke oder gar in die Tapete, wurde sofort eine siebenjährige Ausgangssperre sowie Fernsehverbot bis zum Erreichen des Rentenalters verhängt. Wie soll ein Kind diesen winzigen Unterschied denn bitte verstehen?!

Zurück zum heutigen Tage. Freuen sich Eltern immernoch über mund-bemalte Tannenzapfen? Wohl kaum. Wenn der dreijährige Balg zum Fest der Liebe nicht mindestens einen neuen DVD-Rekorder für Papa und das Ralf-Zacherl-Kochbuch mit goldenem Einband für Mama auf den Gabentisch packt, schlägt die besinnliche Athmosphäre schnell in einen von Neid dominierten Kessel um.

Ich strotze in diesem Jahr Kommerz und verschenke in der Familie etwas wirklich persönliches: meine benutzte Unterwäsche!

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Der tägliche Terrorismus

12. Dezember 2005

Sie sind unter uns. Täglich und rund um die Uhr. Sie werden nicht in afghanischen Camps ausgebildet sondern wachsen in ganz normalen deutschen Familien auf – sind Sprösslinge harmloser Mamas und Papas: S-Bahn-Terroristen.

Sie haben es nicht auf das Leben sondern auf die Nerven und die Geduld ihrer Mitmenschen abgesehen. Nach einem Jahr und fast täglichen 40 Minuten Angst und Schrecken darf ich folgende erschreckende Beispiele präsentieren:

Stinker: „Ach, waren das Tzaziki und die 37 Uzo gestern bei meinem Lieblings-Griechen wieder lecker… Da habe ich sogar vergessen zu duschen und mir die Zähne zu putzen…“ Nichts regt den Würgereiz so herrlich an, wie ein naher Fahrgast, der pro Minute mehr Geruchsstoffe absondert als eine Müllverbrennungsanlage. Mag dies im Sommer mit geöffneten Fenstern gerade noch vor der Ohnmacht bewahren, kann es im Winter zur tödlichen Falle für dutzende Ahnungslose werden.

Mitteilungsbedüftige: Was interessiert vor oder nach einem anstrengenden Arbeitstag mehr, als das Privatleben (von der Geburt vor 94 Jahren bis heute) verschiedener Fahrgäste??? Nichts? Diesem Irrtum erliegen täglich hunderte – wenn nicht gar tausende von S-Bahn-Talkern. Klar, es ist schon nicht fein, wie Herbert mit Chrsitiane am Wochenende umgegangen ist – und dass er schon wieder besoffen war wie 100 Russen, war ja abzusehen. Aber dass die neue „Revue der Frau“ einen Tag später als in der letzten Ausgabe angekündigt erschienen ist, muss definitiv am Mittwoch in der Presseartikel-Selbsthilfegruppe nochmal ausführlich besprochen werden! Oder besser noch sofort mit der Bekannten aus dem Nachbarort, die unglücklicherweise im übernächsten Wagon weiter vor sitzt. Da hört man doch gern mal zu und bildet sich seine eigene Meinung zu Themen, die ähnlich interessant sind, wie der Tomatenpflanzen-Preis im Gartencenter Kapstadt-Süd.

Ein-Mann-Radio-Stationen: „Cool!“, denkt man sich. Jetzt gibt es wieder einen neuen Service in den Öffentlichen Verkehrsmitteln: Musik zum Nulltarif! Wer braucht schon eigene Geräte, um topaktuell informiert zu sein? Die S-Bahn bietet jetzt auf allen Linien Personen an, die alle anderen mit den neuesten Songs und auch verschiedenen Radio-Programmen versorgen. Man staunt schon hin und wieder, welche Lautstärke Kopfhörer in der Lage zu leisten sind. Als störend empfindet im Aunahmefall der eine oder andere die Tatsache, dass Musikwünsche selten bis gar nicht berücksichtigt werden. Abschließend ein Hinweis für die Hersteller von Walkmen und anderen Geräten: Die Möglichkeit der Lautstärkeregelung bis zum Level „startendes Flugzeug“ mag als Werbe-Argument ja lukrativ sein, aber Fernbedienungen für Millionen von Unbeteiligten lassen sich garantiert noch um ein Vielfaches besser vertreiben…!

Zeitungsleser: Tagespolitische Informationen sind wichtig und oft auch unabdingbar. Gern informieren wir uns mit, wenn der Sitz-Nachbar seine Zeitung im A0 Format entfaltet. Manchmal ist es fantastisch mit anzusehen, welche Spannweite die Arme eines erwachsenen Mensch vorzuweisen haben. Ein Lob den Entwicklern der S-Bahn-Wagons. Die zu voller Größe ausgebreiteten Presse-Artikel passen genau der Breite nach von Fenster zu Fenster. Gern hält man für den Nachbar die zweite Seite der Zeitung, wenn dessen Arme von der Evolution nicht allzu lang ausgeprägt wurden. Und voller Freude stellt man seinen Sitzplatz zur Verfügung, wenn der Artikel über das Schwedische Königspaar einmal über zwei Seiten verfasst wurde. Ich frage mich nur oft, aus welchem Grund Zeitungen auf dem beim Umblättern Lärm erzeugensten Papier (oder auch Well-Blech) seit Erfindung des China-Böllers gedruckt werden müssen…

Mein Therapeut sagt, ich soll mich nicht so auf diese Terroristen konzentrieren, sondern mich einfach mal in diese verschworene Gemeinschaft integrieren, um so ein besseres Verständnis für deren Handeln zu entwickeln. Diese Aussage habe ich mir nun zu Herzen genommen und fahre seitdem mit meiner 5.000 Watt Stereoanlage, meinem Beutel voller Knoblauchzehen, meinem 8m-Playboy-Ausklapp-Kalender und einem gemieteten älteren Herren (seeeehr schwerhörig!), der sich meine Erlebnisse des Vortages anhört, zur Arbeit. Ich weiß nicht so genau, aber mir geht es seit dem besser. Und die Terroristen scheinen seitdem auf’s Fahrrad umgestiegen zu sein…