Es gibt Tage. Und es gibt Tage. Und dann gibt’s noch heute.
Stress bei der Arbeit. Kollegin ist im Urlaub. Gerade in solchen Situationen kommen natürlich die meisten neuen ‘Aufträge. Erledigung: bitte gestern. Gefühlte 100 Akten bearbeitet. Optisch: eine. Aber irgendwann war auch Feierabend.
Dann meine Freundin vom Flughafen Schönefeld abholen. Schönes Wetter draußen. 8 Meter Neuschnee pro Stunde. Der Winterdienst hat Kurzarbeit oder erhöhten Krankenstand. Vielleicht wegen dem Wetter. Die vom Bau können ja im Winter auch zu Hause bleiben. Ich bedanke mich für das Verständnis der mich überholenden LKW-Fahrer mit Lichthupe und wilden gesten. Sorry Jungs, dass ich auf der vollkommen zugeschneiten Autobahn keine 100 km/h fahren kann. Also ICH schon. Das Auto aber nicht. Zumindest nicht, wohin ich will.
Mit dem elektrischen Fensterheber auf der Fahrerseite habe ich schon seit einigen Wochen ein bisschen Probleme. Öffnet man das Fenster mehr als zur Hälfte, muss man die Scheibe unter Umständen mit Muskelkraft wieder ein wenig unterstützend in die geschlossene Position ziehen. Dies im Hinterkopf, steige ich an Schranken für Parktickets seitdem immer aus und ziehe das Ticket von außerhalb des Autos. Leider erkannte die Schranke am Terminal D in Berlin Schönefeld aber heute nicht, dass nicht nur ich da auf Einlass warte, sondern um mich herum auch noch ca. 1000 kg Auto. Vielleicht aufgrund der 1,50 m Schnee zwischen Reifen und Asphalt. Ich musste also notgedrungen die “50%-Scheibe- runter-Regel” missachten (der Knopf für das Parkticket befindet sich auf Kniehöhe) und das Ticket aus dem Auto heraus ziehen. Notwendige aber seeehr schlechte Entscheidung. Der Fensterheber hielt sich kompromisslos an die 50%-Regel und ließ auch nach Flüchen, Gewaltandrohung und dem Wort “Verschrottung” nicht mit sich verhandeln. Hatte ich erwähnt, dass es wie aus Eimern Kübeln Binnenseen schneite? Zur Hilfe gerufene Einparknachbarn versuchten mich tatkräftig und selbstlos beim Scheibe-nach-oben-ziehen zu unterstützen. Erfolglos. Der Fensterheber behaarte auf die 50%-du-Penner-Regel. Der Flug hatte dann mal eben 90 Minuten Verspätung. Laut Informationstafel befand sich das Flugzeug 70 Minuten lang im Landeanflug. Tolle Informationspolitik. Ist ja auch nicht so, dass mich das 9 EUR Parkgebühren gekostet hätte.
Mir blieb auf dem Weg nach Hause (50% und 20 Meter Neuschnee von oben) nichts anderes übrig, als den ADAC zur Hilfe zu rufen brüllen. Es ist übrigens nicht so einfach, während der Fahrt zu telefonieren, auf dem Touch-Handy das Tastenfeld aufzurufen, die 1 zu drücken und dabei ein ausbrechendes Heck in den Griff zu bekommen. Nur so als Hinweis. Auch als Nicht-Mitglied versprach mir das Callcenter-Girl einen Helfer in maximal 60 Minuten oder einen Vertragspartner (dann aber auf jeden Fall kostenpflichtig) in selbigem Zeitraum. Perfekt.
Zu Hause angekommen erstmal runterkommen und warten. Das offene Fenster hatte ich provisorisch mit der Alufolie für die Frontscheibe abgedichtet. Und wie versprochen kam der Anruf des Gelben Engels ein paar Minuten später. Hoffnung keimt auf. Er stellt seinen Servicewagen halb quer in meiner Straße ab. Mir egal. Von mir aus könnte er auch mit einem 40-Tonner quer ohne Beleuchtung und voll aufgedrehter Stereoanlage hier stehen. Wir versuchen es gemeinsam mit Ziehen. Nach 5 Minuten das ernüchternde Statement: keine Chance! Augenbraue hoch – Mundwinkel runter. Den Vorschlag, das Fenster mit einem blauen Müllsack abzudichten nehme ich zur Kenntnis. Ich hatte die Schneemassen erwähnt? Die von oben – nicht die, die schon liegen! Wahrscheinlich sehe ich dabei aber dermaßen enttäuscht aus, dass nun der Vorschlag kommt, in die Vollen zu gehen. Alles oder nichts. Wir fahren das Fenster ein paar mal runter und wieder rauf. Immer ein bisschen weiter nach unten. Dann passiert es: ADAC-Chuck-Norris passt den richtigen Moment ab und gemeinsam (er zieht, ich drücke den Knopf) fahren wir das Fenster wieder in den geschlossenen Zustand.
Was dann passiert, ist kurz, aber emotional. Wir klatschen uns ab wie kleine Jungs, die es gerade geschafft haben, einen 100 Jahre alten Traktor wieder zum Leben zu erwecken. Ohne Mist jetzt. Er erklärt, dass er selbst nicht mehr daran geglaubt hat. Und dann reden wir fast eine Stunde draußen bei 2 Zigaretten und weiteren 2 Metern Neuschnee über alles Mögliche. Ich verschaffe ihm damit einen Feierabend ohne weitere Einsätze und er verschafft mir damit das Gefühl, dass hier nicht nur jemand seinen Job gemacht hat, sondern dass mir heute Abend ein wirklich großartiger Mensch geholfen hat.
P.S. Der Einsatz war übrigens ohne Kosten für mich. Auch als Nicht-Mitglied. Ich habe trotzdem eine Mitgliedschaft beantragt. Der Gelbe Engel bekommt dafür zwar keine Provision aber ich möchte mit meinem Beitrag mehr als gern einen Beitrag für den Club leisten. Denn die Jungs leisten wirklich Außergewöhnliches und machen nicht nur ihren Job.
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